Der Nachfolgende Artikel erschien im Der deutsche Strassenverkehr Heft 3/1960.

Vielen Dank an Andreas Suchi, der diesen Artikel für www.iwlroller.de heraussuchte, bearbeitete und zur Verfügung stellte.


Dem Motorroller "Berlin" wird großes Interesse entgegengebracht, eben weil es ein Motorroller ist, der mit seinem, Wetterschutz gegenüber einem Motorrad verschiedene Vorteile besitzt. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich im Anschluß an den im Oktober 1959 veröffentlichten Test viele "Berlin"-Fahrer an uns wandten und die guten und schlechten Seiten ihrer Fahrzeuge schilderten. Geben wir heute einem von ihnen das Wort. Im Namen der zahlreichen Interessenten Würden wir es begrüßen, wenn der VEB Industriewerke Ludwigsfelde in einem der nächsten Hefte unserer Zeitschrift einmal zu diesem ganzen Fragenkomplex, der mit der künftigen Produktion und weiteren Verbesserung des Rollers zusammenhängt, Stellung nimmt. Viele Leser würde auch interessieren, wie das Ludwigsfelder Werk über einen Stoßdämpfer für die Vordergabel denkt. erst gar nicht die Werkstatt behelligt.

D. Red.

Im Heft 10/1959 wurde ein redaktioneller Testbericht über den Motorroller SR 59 "Berlin" veröffentlicht. Jeder sollte diesen interessanten Test nachlesen, denn der folgende Bericht stellt nur eine Ergänzung dazu dar. Mit meinem Roller "Berlin" bin ich bis zu Beginn des Winters rund 4000km unter den verschiedensten Bedingungen gefahren. Mit den Leistungen des neuen Rollers bin ich sehr zufrieden und kann ihn jedem Interessenten nur empfehlen, nicht nur wegen seiner Vorteile gegenüber einem Motorrad in bezug auf Sauberkeit und bedingten Windschutz. Bei höchstzulässiger Belastung erreicht dieser Roller auf Anhieb 80 km/h. Die Autobahndauer-geschwindigkeit liegt bei 70 bis 75 km/h Unter diesen Bedingungen kann man ihn lange Strecken "jubeln" lassen. Da passiert absolut nichts. Auch vor den Bergen braucht einem nicht bange zu werden. Im Stadtverkehr wurden meine Erwartungen übertroffen, denn gegenüber dem "Wiesel" zeichnet er sich besonders durch sein besseres Anzugsvermögen und sein größeres Temperament aus. Die von mir gefahrenen 4000 Kilometer wurden etwa je zur Hälfte im Stadt- und Fernverkehr zurückgelegt, dabei in der Stadt vorwiegend Solo und auf Strecken im Soziusbetrieb.

Der Kraftstoffverbrauch betrug für diese 4000 km knapp 3,7 l/100 km im Durchschnitt, und das bei wirklich flottem Fahren. Sicher wird der Verbrauch bei meinem Roller noch zu senken sein. Zu "wissenschaftlichen" Testfahrten bot sich jedoch noch keine Gelegenheit. Obwohl dieses Maschinchen noch eins von den ersten Tausend ist, bin ich froh darüber, daß es nicht von der ominösen Getriebekrankheit" befallen wurde. Aber leider gibt es eine Reihe anderer Dinge, die kein so positives Urteil verdienen.

Hier widerspreche ich der Meinung der Redaktion, wonach bei der Konstruktion des "Berlin" auf bewährte Bauelemente des "Wiesel" zurückgegriffen wurde, andererseits ihr beim "Berlin" dieses und jenes "nicht gefallen" hat. Nun gut, was dem einen nicht gefällt, gefällt vielleicht dem anderen. Über Geschmack läßt sich

Erfahrungen

mit dem

Motorroller

"Berlin"

bekanntlich streiten. Aber wie verhält es sich beispielsweise mit der vom "Wiesel" her bereits "bewährten" Scheinwerferein-stellung und deren Korrekturmöglichkeit? Das hat bestimmt nichts mehr mit "nicht gefallen" zu tun. Hier geht es einfach um die Sicherheit der Rollerbesatzung. Trotz Korrektur der Einstellung liegt selbst das Abblendlicht noch zu hoch, so daß sich die Entgegenkommenden wie durch vollen Scheinwerfer geblendet fühlen.

Nach einer Fernfahrt (Kilometerstand 1900) ergab die Suche nach einem regelmäßig bei jeder Umdrehung deutlich zu vernehmenden Zischen und später beim Anfahren zu spürenden Rucken, daß an der Hinterradscheibe von den 36 Nieten etwa die Hälfte fehlten. Als mein "Goldstück" davon erfuhr, brach ihr hinterher noch der Angstschweiß aus. Die Vertragswerkstatt stellte fest, daß sie so etwas beim "Berlin" noch nicht erlebt habe. Dann erinnerte ich mich, daß es kein Steinschlag, sondern meine mitbezahlten Nieten waren, die lustig gegen die Hinterhaube geknallt sind.

Meines Erachtens scheint es mit der Gütekontrolle oder mit der Anwendung der Gütebestimmungen wohl noch ein bißchen im VEB Industriewerke Ludwigsfelde zu hapern. So etwas darf jedenfalls nicht vorkommen. Hier geht es um die Sicherheit von Menschen. Hier geht es auch um die betriebliche Rentabilität des Werkes, denn die zusätzlichen Leistungen der Vertragswerkstätten werden doch in Rechnung gestellt. Ganz abgesehen davon, daß mancher "Berlin" - Besitzer wegen Kleinigkeiten erst gar nicht die Werkstatt behelligt.

Mit den Kleinigkeiten begann es bei meinem Roller bereits bei der Übernahme im Auslieferungslager. Der Monteur brachte nach langen Mühen den Motor erst durch Anschieben zum Laufen. Ich brauchte noch tagelang ein paar "Schieber" für die gleiche Prozedur. Ursache: Der Draht des Ferntupfers war zu kurz und konnte den Schwimmer nicht weit genug herunterdrücken. Zwei Millimeter Verlängerung durch Lötzinn brachten hier Abhilfe.

Das hintere Sicherheitsschloß und die Ver-riegelung mußten von mir erst nachgearbeitet werden. Das Rücklicht brannte plötzlich nicht mehr, weil die Zuleitung am hinteren Teil der Haube so großzügig im eleganten Bogen verlegt war, daß sie am Hinterradreifen schliff und von ihm zersägt wurde. Nach 800 km war der Kuppelungsbowdenzug am Handhebel ab-

gerissen. Er war mit dem Röhrchen nur zusammengequetscht und sehr schlecht verlötet. Ich habe die feinen Drähte in der Pfanne des Röhrchens ordnungsgemäß nach außen gebogen und Lötzinn hinein- und durchlaufen lassen. Die Sache hält heute noch. Die Tachowelle war bei einer Bodenwelle gebrochen, weil sie unten am Schwinghebel in zu engem Bogen verlegt war.
Es ist klar erkennbar, daß in Ludwigsfelde um den technischen Fortschritt gerungen worden ist und bedeutende Erfolge bei der Schaffung des neuen Motorrollers von den Arbeitern, Technikern und Ingenieuren erzielt werden konnten. Und das zu einem unveränderten Preis! Andererseits gibt es offensichtlich noch einige Mängel im Werk und bei den Zulieferern hinsichtlich der qualitätsgemäßen Arbeit und der Gütekontrolle. Diese zu beseitigen und um die qualitätsmäßige Verbesserung auch der "bewährten Bauelemente" des "Wiesel" zu ringen, sollte die wichtigste Aufgabe der Ludwigsfelder Fahrzeugbauer sein.
Es gibt darüber hinaus noch zahlreiche Möglichkeiten, den Roller "Berlin" weiter zu verbessern. Den Auspufftopf sollte man vom Werk aus verchromen, das ist keine unbillige Forderung und gehört zum Weltniveau. Wie wäre es mit einem preislichen Aufschlag bei "verchromten" Serien? Mit der MZ 125/3 wird es doch ähnlich gemacht. Wegen der Korrosionsgefahr sollte auch der Auspuffkrümmer stumpf verchromt werden. Wie schön und zweckmäßig wären am Spritzblech (Knieschutz) zwei kleine Kästen für Taschenatlas, weiteres Werkzeug und Zubehörteile. Das ist doch im Rollerbau nichts Neues mehr. Für die Zubehörindustrie wäre das sicher eine lohnende Aufgabe. Ebenfalls wäre eine Haltevorrichtung für die Handluftpumpe angebracht. Der verbesserte "Berlin" sollte wirklich 12 l Kraftstoff fassen (ohne Kanister). Die linksseitig vorhandenen Schlauchventile, verbunden mit der links angebrachten Seitenstütze, stellen keine glückliche Lösung dar. Die Luftkontrolle ist recht unbequem. Wie wäre es mit einer kleinen rechtseitigen Stütze?
Bei der Radmontage liegt der Roller nicht auf der Trittbrettseitenkante, sondern auf dem unter Umständen verchromten Auspufftopf, der sichtlich unter der Last nachgibt. Auch das sollte verändert werden. Der Schmiernippel des hinteren Bremsseiles und das Schaltgestänge unter dem Trittbrett sollten so verlegt werden, daß ein Klappern unmöglich wird. Ebenso liegen die Schmiernippel der Gasbowdenzüge recht unglücklich. Es ist umständlich, sie zu "fassen". Eine Sicherung bei montierter Haube auszuwechseln ist unmöglich. Hier muß schnellstens etwas verändert werden. Auch ist es nicht schön, daß der Soziussitz mit dem Reservereifen kollidiert.
Das Herstellerwerk und die Zulieferer- und Zubehörindustrie werden auch weiterhin alle Anstrengungen unternehmen, um Fortschritte in der Qualität, konstruktive Verbesserungen einiger Details und Verbesserungen des Komforts zu erreichen. Dazu sollen diese Hinweise beitragen.

W. Kothe, Berlin


siehe auch
  • Die Antwort der VEB Industriewerke Ludwigsfelde im Deutschen Straßenverkehr 6/60

     Aus: Der deutsche Strassenverkehr Heft 3/1960